665  Thomas Bernhard. Vier eigenhändige und ein maschinengeschriebener Brief sowie vier eigenhändige Postkarten, alle mit Unterschrift.

€ 18000

Salzburg u. a. 1955 – 1968. Zusammen 13 Seiten. Mit drei eigenhändig adressierten Umschlägen.

Alle an den österreichischen Schauspieler und Regisseur Ludwig Skumautz (1929–1987). Dieser lebte in St. Veit/Glan in Kärnten und erhielt zunächst eine pädagogische Ausbildung. Schon damals verfasste er erste literarische Werke und kam mit dem in Salzburg als Journalist und Schriftsteller tätigen Thomas Bernhard in Kontakt. Bereits vor dem gemeinsamen Studium am Salzburger Mozarteum (1955–1957) verband die beiden offenbar eine sehr innige Freundschaft. Die Briefe aus dem Teilnachlass Skumautz sind bisher unveröffentlicht.

25. V. 1955, mit Umschlag
Über eine geplante Lesung: »Es ist alles in Ordnung, Du liest (falls Du willst) mit Christine Busta zusammen am 5. September. Ich glaube da sind bestimmt noch Ferien. […] Ich möchte soviel sagen u. fragen, aber die letzten Tage waren für mich wie eine Vorhölle. Ich stehe allem kopfschüttelnd gegenüber – und in ein paar Tage tauche ich wieder in einer größeren Arbeit unter.

12. VI. 1955
Ich habe eine unglaubliche Achtung vor dem Leben und ich liebe es – also? Wenn ich von der »Vorhölle« gesprochen habe, dann von dem scheusslichen Gesicht, das einem von Zeit zu Zeit anstarrt wohin man geht. … Meine Tage enden abends immer tröstlichm denn vor dem bloßen Dasein gibt es nur Nichtigkeiten. Vor einem Jahr noch habe ich dauernd an Selbstmord gedacht, aber dieser Unsinn ist vorbei. Klagen muß der Mensch, auch aufbegehren, vor allem leiden – was ich jetzt brauche, ist Ruhe und eine abgesonderte Stellung, aus der ich einen guten Überblick habe über die Umwelt. Ich bin in seiner sehr anstrengenden Arbeit, u. ich bitte darum, daß sie mir halbwegs gelingen wird. Ich bin noch voll Begeisterung, sie wird nachlassen, wie bei allem, das ich anpacke, nur bin ich diesmal schon übern Berg. […] Im Herbst erscheint (Gottlob statt der miserablen Gedichte) eine Erzählung in d. Stifterbibliothek […] Von Dombrowski illustriert. – Schluß! – Ich habe Deine Lesung umstellen lassen auf den 22. August. Da sind noch Festspiele […] Da haben wir ein paar Tage für uns in Salzburg […] Es ist ein herrliches Gefühl, wenn etwas vorwärts geht. Mir vergeht nur immer die Zeit zu schnell – das Altwerden betrübt mich.«

11. VII. 1955, mit Umschlag
»Ich war jetzt 2 Wochen kränklich u. es sind dadurch eine Reihe Pläne ins Wasser gefallen. […] Ich schlage zu unserer Sache mit der Lesung vor, daß Du schon am 18. od. 19. nach Salzbg. kommst. Ich stelle mir vor, daß Du zusammen mit einer jungen Schauspielerin liest, denn ich finde es immer störend, dramatische Szenen vom Autor vorgelesen zu bekommen. […] Warst Du schon in Italien, wie vorgesehen? Hier ist sehr viel Unruhe, der man kaum entkommen kann. Die Stadt ist ein Museum, durch das die italienhungrigen Leute durchgeschleußt werden. […] Seit Tagen versuche ich etwas zu schreiben, aber es ist nur Unsinn. Und erzwingen kann ich es wirklich nicht. Das mit der ›Mathematik in der Literatur‹ will uns nicht gelingen – Gott sei Dank! Dazu kommt, daß ich zu meiner Arbeit die täglichen u. stündlichen Sorgen brauche, sie aber zeitweilig unerträglich werden. In der letzten Zeit habe ich immer öfter gewisse Vorstellungen von der Sinnlosigkeit meiner ganzen Person. Und es ist eine wahre Kunst, dem Ganzen einen Sinn zu geben. Wenn ich denke, wielange das Leben trotz seiner verfliegenden Kürze dauert! […] Wäre ich doch nur eine andre Natur, oder Maus oder Wurm. Das sind alles Wünsche, die einem völlig durcheinander geratenen Hirn entspringen.«

11. VII. [eigentlich aber August] 1955, mit Umschlag
»ich danke für Deinen Brief, kann aber augenblicklich nicht antworten.« Bernhard bittet um Zusendung der Texte für die Lesung und stellt »Eine Frage: soll ein guter Schauspieler von Dir lesen? Wenn ja, mir das mitzuteilen wäre. Du selbst kommst auf keinen Fall ganz davon.«

31. VIII. 1955 (Briefkarte, 2 Seiten)
»Mein lieber Ludwig, ich bin traurig, weil Du fort bist. Das ist nun die Wahrheit – die Du nicht ändern kannst. Ich war in keiner guten Stimmung als Du da warst – das hat viele tiefliegende Gründe. Aber, Du gehörtest in meine Nähe! […] Ich habe Dich gern u. verehre Dich, was bleibt zu sagen! Man sagt nur Unsinn, die Feder vergewaltigt den lebendigen Gedanken. Und doch: Worte bewirken oft ein Wunder. Mit Berlin ist noch nichts fest. Ich will nur hoffen – das darf ich. Die Hoffnung ist meine Nahrung, sicher bis ans Ende der Reise. Ich lebe! Wie oft war ich verzweifelt, dann kam eine Botschaft – aus mir selber, die Stimme Gottes. Sicher.« Bernhard kündigt einen Besuch in Klagenfurt an »Wenn Du willst, darf ich mit Dir beisammen sein. […] Du mußt bald wieder ein paar Tage hier in Salzbg. verbringen. Das muß sich machen lassen, Der Mensch muß leben. Die Zeit ist allzu kurz. Bitte schreib ein paar Zeilen. Thomas«

22. IX. 1955 (Ansichtskarte aus Lovran, Kroatien)
»Lieber Ludwig, es ist alles herrlich!! Sonne, blaue Adria, Delphine, ich liege unter den Palmen und schreibe. […] Ich denke, wie es Dir nächste Woche in Wien gehen wird. Ich halte Dir beide Daumen. Sobald ich was tun kann für Dich, werd ichs.«

30. III. 1956 (Ansichtskarte aus Lovran, Kroatien)
»Im Telegrammst: ich gehe etwa 30 km am Tag über den Karst u. esse Ziegenkäs. Ich liege auf dem Berg u. schau‘ ins blauer Meer. Den halben Tag bin ich unter den Netz-Flickern. De Leute sind alle noch ganz natürlich, nicht verblödet vom Bildschirm. Kannst Du Dir vorstellen, daß ich nichts möchte, als hier leben? […] Es wird eine sehr schöne Zeit für Dich kommen, sicher, verlaß‘ Dich ganz auf die Führung Deiner Himmelsgeister. Die sind alle gut!! «

20. III. 1963 (Ansichtskarte aus Zakopane, Polen)
»von meiner Polenreise die herzlichen Grüße. Was treibst Du? Ich hoffe, du bist gesund u. wir sehen uns bald einmal – vielleicht in Salzburg? Thomas«

19. IV. 1968 (Maschinengeschriebener Brief)
Reisepläne, »komme dann Ende Mai nach Nathal und vielleicht sehn wir uns dann bald einmal, was mich natürlich, wie auch anders, sehr freuen würde.«

Dabei: Porträtfotografie Ludwig Skumautz. Rückseitig von Thomas Bernhard datiert »Dez. 1961«und bezeichnet »Ludwig«.

ChristianHesse