ChristianHesse

Dada, Surrealismus, Expressionismus | Hesse-Auktionen
Dada, Surrealismus, Expressionismus

387  Jacques Vaché. Lettres de Guerre.

Schätzpreis/Estimate: € 200

Zuschlag/Hammerprice: € 150

Avec un dessin de l’auteur et une introduction par André Breton. Paris, Au Sans Pareil 1919. Mit einer ganzseitigen Illustration und einer Titelvignette nach Zeichnungen des Verfassers sowie einem Faksimile. Originalbroschur.

Erste Ausgabe. – Collection de Littérature No. 3. – Unnummeriertes Exemplar auf Velin Bouffant (Gesamtauflage 1000). – Enthält Briefe an Breton und Fraenkel und Zeitungsmeldungen über den Tod Vachés, der sich 1919 mit einer Überdosis Opium das Leben nahm. – Jacques Vaché (1895–1919) war eng mit André Breton befreundet, der Assistenzarzt in dem Krankenhaus in Nantes war, wo Vaché während seines Fronteinsatzes behandelt wurde. – »Ein Werk, das durch die Briefe und die ganze Lebenshaltung des Dichters entscheidenden Einfluss auf die jungen Dadaisten und kommenden Surrealisten hatte.« (Hans Bolliger). Noch 1938 betonte Breton im »Dictionnaire abrégé du surrealisme« diese Bedeutung. – Mit einer Bibliographie der »Éditions Au Sans Pareil«.

19,0 : 13,5 cm. [8], V, [3], 32, [8] Seiten. – Umschlag mit kleinen Einrissen am Rücken. – Vorsatzblatt leicht stockfleckig.

Dokumentations-Bibliothek II, 76 und IV, 138

388  Pierre Reverdy. Self Defense.

Schätzpreis/Estimate: € 200

Zuschlag/Hammerprice: € 130

Critique – Esthétique. Paris 1919. Originalbroschur.

Erste Ausgabe, gedruckt in der »Imprimerie Littéraire«. – Eins von 350 Exemplaren auf Bütten (Gesamtauflage 364). – Mit einem Vorwort von Juan Gris. – Dazu: La Lucarne Ovale. Poèmes. Paris 1918. Originalbroschur. Gedruckt bei Birault, die Erstausgabe erschien 1916. Auf bläulichem Bütten.

15,0 : 10,0 cm. [32] Seiten. – Umschlag leicht geknittert.

389  Alfred Jarry. Gestes suivis des paralipomènes d’Ubu.

Schätzpreis/Estimate: € 150

Zuschlag/Hammerprice: € 180

Paris, Éditions du Sagittaire 1920/21. Mit sieben Radierungen von Géo A. Drains, davon eine koloriert, sowie Buchschmuck und -illustrationen in Rot und Schwarz. Originalbroschur mit Titeln in Gold und Rot.

Erste Ausgabe. – Eins von 940 Exemplaren auf holländischem Bütten (Gesamtauflage 1040). – Wohl auf Anregung und unter Leitung von André Malraux entstandene, entzückende Ausgabe mit den Radierungen von Georges A. Drains, die erste koloriert, die übrigen in Sepia gedruckt. – Jede Doppelseite mit bordürenhaften Figuren, gedruckt in Rot und Schwarz. – Unbeschnitten.

15,0 : 15,5 cm. 152, [12] Seiten, 7 Radierungen. – Umschlagränder und -rücken leicht gebräunt.

Monod 6375

390  Tristan Tzara. Sept manifestes dada.

Schätzpreis/Estimate: € 1800

Ausrufpreis/Starting bid: € 1200

Quelques dessins de Francis Picabia. Paris, Éditions du diorama Jean Budry [1924]. Mit einem blattgroßen Tzara-Porträt und acht Textillustrationen. Schwarze Originalbroschur.

Erste Ausgabe dieser Sammlung von Tzaras Dada-Manifesten. – Eins von 50 Exemplaren der Vorzugsausgabe auf Madagascar Papier (Gesamtauflage 300). – Tristan Tzara, eigentlich Samuel Rosenstock (1896–1963), zählt zu den Mitbegründern von Dada Zürich. Sein »Manifeste de Monsieur Antipyrine« von 1916 gilt als die erste Publikation der Zürcher Dadaisten. Acht Jahre später fasst der seit 1919 in Paris lebende Dichter seine wichtigsten bis dahin verfassten Texte zusammen: »Manifeste de Monsieur Antipyrine«, »Manifeste Dada 1918«, »Proclamation sans prétention«, »Manifeste de Monsieur Aa l’antiphilosophe«, »Tristan Tzara«, »Monsieur Aa l’Antiphilosophe nous envoie ce manifeste«; »Dada manifeste sur l’amour faible et l’amour amer« und »Annexe«. – Unaufgeschnittenes Exemplar der sehr seltenen Vorzugsausgabe auf besserem Papier.

19,2 : 14,0 cm. 97, [7] Seiten. – Umschlag lose, ein Umschlaggelenk gebrochen. Am Rücken leicht berieben. Ohne das blaue Deckelschild.

Dada global 218. – Dokumentations-Bibliothek I, 64. – Harwood 5

391  Hans Arp. Der Pyramidenrock.

Schätzpreis/Estimate: € 750

Zuschlag/Hammerprice: € 700

Erlenbach-Zürich und München, Eugen Rentsch [1924]. Mit einem Porträt des Dichters von Amedeo Modigliani. Typographisch illustrierter Originalpappband.

Erste Ausgabe. – Bedeutende Gedichtsammlung aus Arps Dadazeit. – Enthält: Opus Null, Schneethlehem, Der poussierte Gast, Sekundenzeiger, Schnurrmilch, Das bezungte Bett, Arabische Sanduhr, Die Notendurft, Die Schwalbenhode, Pupillennüsse, Der gebadete Urtext, Das Fibelmeer, Sankt Ziegenzack Sankt Faßanbaß. – Das Arp-Porträt war bereits 1916 im »Cabaret Voltaire« abgebildet.

25,0 : 19,8 cm. 70, [2] Seiten. – Ränder und Rücken leicht, innen papierbedingt etwas stärker gebräunt.

Hagenbach A 5. – Raabe/Hannich-Bode 8.4. – Dada Zürich 67

392  Hans Arp. 1924 · 1925 · 1926 · 1943.

Schätzpreis/Estimate: € 500

Ausrufpreis/Starting bid: € 330

Bern, Benteli 1944. Mit einer ganzseitigen Illustration nach einer Zeichnung von Sophie Taeuber-Arp. Originalbroschur.

Erste Ausgabe. – Eins von 250 Exemplaren. – Nach der Typographie von Jan Tschichold gedruckt. – Tadellos schönes Exemplar. – Selten. – Dazu: Hans Arp. Wortträume und schwarze Sterne. Auswahl aus den Gedichten der Jahre 1911–1952. Wiesbaden, Limes 1953. Mit vier Bildtafeln. Originalbroschur. Eins von 100 Exemplaren der Vorzugsausgabe auf Bütten, jedoch ohne die signierten Holzschnitte. – Hans Arp. Behaarte Herzen 1923–1926. Könige vor der Sintflut 1952–1953. Frankfurt, Meta 1953. Mit einem Holzschnitt. Originalpappband. Eins von 100 Exemplaren der Vorzugsausgabe mit dem Frontispizholzschnitt (hier lose), der signierte beigelegte Holzschnitt fehlt.

24 : 16 cm. [32] Seiten.

Hagenbach A 14 sowie 27 und 28

393  George Grosz – Richard Huelsenbeck. Phantastische Gebete.

Schätzpreis/Estimate: € 750

Ausrufpreis/Starting bid: € 500

Zeichnungen von George Grosz. Zweite erweiterte Auflage. Berlin, Der Malik-Verlag Abteilung DADA 1920. Mit Porträt des Verfassers und 13 Illustrationen nach Zeichnungen von George Grosz, davon zwei auf dem Umschlag und vier blattgroß. Neuer Kartonumschlag, der illustrierte Originalumschlag aufgezogen.

Erste Ausgabe mit den Grosz-Illustrationen. – Huelsenbecks Erstling erschien 1916 in Zürich mit Holzschnitten von Hans Arp. Restbestände dieser Ausgabe wurden 1920 vom Malik-Verlag übernommen und vertrieben. George Grosz und Richard Huelsenbeck hatten während dieser Jahre schon gemeinsam in verschiedenen DADA-Zeitschriften veröffentlicht, die auch textlich erweiterte Neuausgabe der »Phantastischen Gebete« war nun der erste reine Huelsenbeck-Text den Grosz illustrierte; ein Jahr später erschien »Doctor Billig am Ende«.

26,2 : 18,0 cm. 31, [1] Seiten. – Umschlag an den Rändern gebräunt und mit kleinen Fehlstellen. – Die letzte Seite im Falz angerändert und der Buchblock eingebunden.

Lang, Grosz 10. – Raabe/Hannich-Bode 132.1. – Dada global 70. – Hermann 199

394  George Grosz – Bertolt Brecht. Die drei Soldaten.

Schätzpreis/Estimate: € 450

Zuschlag/Hammerprice: € 500

Ein Kinderbuch […] mit Zeichnungen von George Grosz. Berlin, Gustav Kiepenheuer 1932. Mit 25, davon 16 ganzseitigen, Illustrationen. Originalbroschur.

Erste Ausgabe. – Erschienen als Versuche 14, Heft 6. – »Das Buch soll, vorgelesen, den Kindern Anlaß zu Fragen geben.« (Vorwort). – Die Auflage wurde beschlagnahmt und zum Großteil vernichtet. – Beigabe: Versuche, Hefte 2-5, 7 und 9–14.

24,0 : 16,5 cm. 59, [1] Seiten. – Umschlag lose und mit Randläsuren. – Die beigegebenen Hefte mit beschädigten Umschlägen und nicht kollationiert. – Exlibris.

Lang, Grosz 62. – Stuck-Villa II, 195. – Kunze/Wegehaupt S. 362ff. mit mehreren Abbildungen. – Seidel 6 und 7.9-15. – Melzwig 147.1. – Raabe/Hannich-Bode 41.48

395  George Grosz – Arthur Holitscher. Amerika.

Schätzpreis/Estimate: € 2500

Zuschlag/Hammerprice: € 3800

Heute und morgen. Reiseerlebnisse. Berlin, S. Fischer 1912. Mit zahlreichen fotografischen Abbildungen. Originalleinenband, Deckelvignette, Rückentitel und Kopfschnitt vergoldet. In privater Leinenkassette.

Erste Ausgabe von Holitschers wichtigstem Werk. – George Grosz‘ Exemplar, das er im Laufe vieler Jahre mit zahlreichen Anmerkungen in Deutsch und Englisch versah. Die Anmerkungen mit Bleistift und Tinte entstanden während wiederholter Lektüre. Auf etwa 60 Seiten finden sich Grosz‘ spontane Kommentare. – Trotz der besonders später vorgebrachten Kritik an mancher Sichtweise Holitschers schätzte Grosz dessen Arbeit sehr. 1926 schrieb er an den befreundeten Kunstsammler Eduard Plietzsch: »Lesenswert auch Reiseschilderungen von Holitscher – der Beste, den wir als Reiseberichter haben. (Mit modernem Blick und ›politischem‹ Bewußtsein – kein dummer Junge.)« (Briefe, 1979, S. 99).

Titelblatt: »This very book influenced me a great deal to make up my mind (the time was 1912) to go to the United STATES | G. G. | Huntington/Nov 4/48«. – »In diesem Buch wird nicht 1. psychoanalisiert 2. nicht getrunken 3. nicht geraucht«. – »Holitscher war idealistischer Sozialist, das versucht er hier zu beweisen – wenn er’s tut – schrecklich« und darunter und »Freud & Tiefenpsychologie kannte er nicht – schade«. – In frühen Einträgen findet sich Grosz‘ kritische Sicht auf die USA: »heute siehe Israel sie versuchen zu colonisieren«. – »Vorwegnahme von Reader’s Digest – that is: Cultur der Mittelklasse vom Kochrezept zu Euclid«. – Seite 153 mit kleiner Zeichnung: Eine Wippe mit »Oberklasse / Kapital« oben und »Unterklasse / Proletariat« unten sitzend. – Immer wieder wird Holitscher selbst ironisch kritisiert: »typisch Hollitscher [sic!] wusste noch nichts von ›Massenpsychologie‹ & Freud – alter anarchistischer Schwärmer & somewhat idealiste«. – »Arthur, du warst doch auch mal jüdisch – warum denn so ironisch«. – »hat er nur gelesen, hat selbst nie teilgenommen – ist nur durchgefahren«. – »na, na geheimnisse da man nichts hinein – alter Jenosse«. – In den letzten Kapiteln schreibt Holitscher u. a. über die Rolle der Gewerkschaften. Hier kommentierte Grosz 1954 mit bitterer Sicht auf die Entwicklungen in der UdSSR unter Stalin und prognostiziert »ein neues – und ein ziemlich blutunterlaufenes – Gesicht«, konstatiert »dumme Agitation a la Masereel & Toller« oder kritisiert einfach nur »grässlich, schauerlich, Quatsch, dummes Zeug, einseitig sozialistischer Quatsch«. – Religion: »My eye – ›Seelsorger von Morgen‹ – Terroristen & Concertlager [sic!] – Inquisition, siehe Russland«. – Literatur: »Dummheit 1912 wusste noch nicht von O’Neil, Faulkner, Tennessee Williams & Miller«. – Kunst: »Die Bierbrauer sind die Mäcene der Baseball League – nicht des Theaters – das ist okay – ein Deutscher ist nicht verpflichtet ein Mäcen der Kunst zu sein«. – Holitschers Resümee »Amerika ist das Schicksal und die Erfüllung des Menschengeschlechts« kommentierte Grosz mit seinem letzten Eintrag: »nicht schlecht like Sowjetrussland«. – Hinteres Vorsatzblatt mit einigen Anmerkungen von Grosz.

20,8 : 13,5 cm. 429, [3] Seiten.

396  Dada [und seine Berliner Protagonisten]. Runen-Kalligraphie.

Schätzpreis/Estimate: € 4500

Zuschlag/Hammerprice: € 3200

Bleistift auf Papier. Ohne Ort und Jahr, wohl um 1920.

Einzigartiges und originelles Dokument eines sicher vergnüglichen Zusammenseins der drei Berliner Dada-Größen »Oberdada« Johannes Baader, »Dadasof« Raoul Hausmann und »Weltdada« Richard Huelsenbeck. – Den von Sprach- und Schriftexperimenten begeisterten Dadaisten war das 1878/1880 in Wien erschienene »Buch der Schrift, enthaltend die Schriftzeichen und Alphabete aller Zeiten und aller Völker des Erdkreises« von Carl Faulmann sicher eine inspirierende Fundgrube. Bei einem Treffen der oben genannten wurde der Name »Dada« zunächst in der sogenannten »Zend-Avesta« (Faulmann Seite 91) notiert, danach in »Irischen Ogham-Runen« (Seite 166). In diesem Strichcode folgen dann Titel und Namen der drei Anwesenden. – Neben den Runenreihen notierte Johannes Baader die »Klarnamen«. Von ihm stammt möglicherweise auch die Umschrift seines Namens ins deutsche Sütterlin. – Das Blatt wurde am Rand verklebt und gefaltet. – Rückseitig ein Gedichtmanuskript in deutscher Schreibschrift (drei Strophen) : »Horch, schon zwitschern in den Lüften | Schwalben, die der Lenz geschickt […] Ein Lawinchen aus der Höhe | Schmilzt und fließt dem Tale zu«. – Vom Vorbesitzer aus dem Nachlass Raoul Hausmanns erworben.

27,0 : 22,0 cm. – Klebereste, Faltspuren.

397  Raoul Hausmann – Alexander Koch. 600 Monogramme und Signets.

Schätzpreis/Estimate: € 600

Zuschlag/Hammerprice: € 460

Darmstadt [1911]. Mit zahlreichen Abbildungen auf 30 Tafeln. Originalbroschur. – Mit eigenhändigem Manuskript und zwei eigenhändigen Anmerkungen von Raoul Hausmann auf dem Vorsatzblatt und im Buch selbst.

Raoul Hausmann (1886–1971) erwarb die Koch-Publikation wohl 1915 (Datierung in Tusche auf dem Vorsatzblatt). In Tusche notierte er im Buch einige ironische und kritische Anmerkungen, z. B. unter »Alle Rechte vorbehalten«: »warum? wegen des bischen nachgepanschten Biedermeiers? oder des Bauernstils? (Wahrscheinlich wegen der »Kultur‹!)«. – Wohl etwas später benutzte er das vordere Vorsatzblatt für ein Manuskript: »Diese ganze quasi-neopathetische Gesellschaft (Lych, Rubiner, Hardekopf, Ghuttmann etc Unger) hält sich für weiss wie sehr tief – ist aber eben doch nur so obenhin. Selbst [ausradierte Textstelle] gewitzt, gewieft, aber eben zu gewitzt – er könnte nie etwas schreiben wie Bergson’s ›Über Kunst‹ einfach weil er zu witzig ist, um die Dinge so zu durchleuchten, dass die Fassung seines Geistigen wieder dinglich erscheint – er ist lieber abstrait, absent. […] alle verwechseln ihre Peripherie mit dem centralen Subjekt. Das Frankreichheft [der Aktion] zeigt, dass die Franzosen erfüllt und ausgehend von diesem Subjekt, sich alle ›Dinge‹ reproduktiv schöpferisch zu eigen zu machen verstehen […]«. Zu den Neopathetikern, einem prä-expressionistischen Dichterkreis in Berlin gehörten u. a. Georg Heym, Ernst Blass und Jakob van Hoddis. – Hinterer Vorsatz mit einem weiteren Manuskript, in deutscher Schreibschrift, Urheberschaft unklar: »Der Schauendentrückte hat die Vision eines Körpers […]«.

29,5 : 21,0 cm. [8], 30, [4] Seiten. – Einige Monogramme im Buch ankoloriert.

398  Hannah Höch. Eigenhändiges Gedichtmanuskript mit Unterschrift.

Schätzpreis/Estimate: € 450

Zuschlag/Hammerprice: € 1500

[Berlin], Februar 1918. Sieben Seiten.

Auf zwei gefalzten Blättern: »I. O blauer Tag | Abhang. | Blau, so himmelblau | rot, grün, weiss | Maiwiese. || Schreitend Sie. | Zitternd Leben fühlend | aus Todnächten kommend | […] Da fiel ein weisses Kleid – | und nackt | ein weisser Leib] eine rote Wunde | ein todmüdes Herz … | sank – | hilflos, friedvoll. || Da | talab | schreit welthin | ein D-Zug. || Morgen schon – | eine blasse Frau – | Tact von eisernen Rädern: | Wo ist das Kind | Bohrend: | Wo ist dein Kind – | Stöhnend: | kein Kindelein | kein Kindelein […]«. – »II: Nebel, | stöhnend die Fahrt. […] Plötzlich | hart neben ihr | Männerhand | schwer auf Schultern. | Die Blasse denkt: | Wiese – – Lenze. | Jener glüht – breitet aus | die Herrlichkeit der Welt. […| Da – | zugentlang | ein Weib rasend | frevelhaft sicher | ihr Angesicht. | – Der Mann winkt! – | Es bricht Weg | gellend himmelan | die Blasse sinkt. – | – Stille – weint – | niegeboren | ihr Kind.« – Diese zu den wenigen literarischen Arbeiten der Dada-Künstlerin zählenden Zeilen entstanden im heftigsten Krisenjahr ihrer seit 1915 währenden Liebesbeziehung mit dem verheirateten Raoul Hausmann. Hannah Höch hatte sich (nach 1916) zum zweiten Mal zu einem Schwangerschaftsabbruch entschlossen, da sie kein Kind von Hausmann bekommen wollte, während dieser noch mit Elfriede Schaeffer verheiratet war. Selbst nach diesem Eingriff gelang es Hausmann aber nicht, sich von seiner Ehefrau zu trennen, vielmehr kam es zu massiven Streitigkeiten und handgreiflichen Auseinandersetzungen mit Hannah Höch. – 1918 war für Dada Berlin sicher das entscheidendste Jahr: Ende Januar hielt Huelsenbeck die »Erste Dada-Rede« in Deutschland, im April fand die Berliner Dada-Soirée statt, im Sommer entdeckten Hannah Höch und Raoul Hausmann das Prinzip der Fotomontage. – Vom Vorbesitzer 1989 aus dem Besitz von Raoul Hausmanns Tochter Vera erworben. – Dazu: Sechs Skizzenblätter mit Modeentwürfen. Bleistift. Möglicherweise von Hannah Höch, die seit 1916 neben ihrem Studium für die Handarbeitsredaktion des Ullstein-Verlages arbeitete. Ein Blatt rückseitig mit handschriftlicher Erläuterung »Kunstwolle«.

399  Hannah Höch. Drei eigenhändige Briefe, alle mit Unterschrift

Schätzpreis/Estimate: € 2000

Zuschlag/Hammerprice: € 4200

[Berlin], 29. IV. 1918 – 31. V. 1919. Zusammen 23 Seiten.

Alle an Elfriede Hausmann-Schaeffer (1876–1952), die damalige Ehefrau von Raoul Hausmann. Die Geigerin und Musiklehrerin lebt seit 1905 mit dem zehn Jahre jüngeren Hausmann zusammen, der damals versucht, in Berlin als Künstler und Literat Fuß zu fassen. 1907 wird ihre gemeinsame Tochter Vera geboren, 1908 heiratet das Paar. – Hannah Höch (1889–1978) kehrt 1915 nach Berlin zurück und wird Schülerin in der von Emil Orlik geleiteten Klasse für Graphik und Buchkunst in der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums. Bereits im April lernt sie Raoul Hausmann kennen – es entwickelt sich eine dramatische Liebesbeziehung, die sich auch in künstlerischer Hinsicht auf Höchs weiteren Lebensweg auswirkt. Hausmann zögert, Frau und Kind zu verlassen, Hanna Höch verlangt wiederholt und erfolglos eine eindeutige Klärung der Situation. 1916 und 1918 lässt Hannah Höch zwei Schwangerschaften abbrechen, da sie es trotz Kinderwunsch ablehnt, ein Kind des noch Verheirateten zur Welt zu bringen. An der berühmten Berliner Dada-Soirée am 12. April 1918 nahm Hannah Höch nach einer heftigen Auseinandersetzung mit Hausmann, in der er sie auch körperlich attackierte, nicht teil. Sie fand Schutz bei ihrem Bruder Danilo. – In diesem Zeitraum entstehen die ersten beiden Briefe. 29. IV. 1918: »Sie haben Fesseln gelegt statt … diesen Menschen mit mir … in den Himmel laufen zu lassen. […] Damals hatte ich heilige Kräfte und wäre ganz rein und naiv über alle Klippen mit ihm gelaufen. […] Sie aber gaben ihn nicht frei als es an der Zeit war, – und so musste ich durch alle Qualen der Welt, konnte ihm im Dunkel nicht strahlen und meine Liebe welkte im Schmutz. […] auch Sie wollten etwas von ihm, und wenn es nur, was ich nicht mal glaube, Ihr Kind war, und Sie sagen; er sei Ihnen etwas schuldig geblieben? – Sie hatten Ihr Kind von ihm bekommen! und vieles andere dazu. und schuldig war er Ihnen noch ?!?! Dankbarkeit. und dann zerstörten Sie unser Leben.« – Juni 1918: »Habt Ihr nicht gewühlt, die Schamdecke von meinem Herzen gezerrt bis Ihr mein armes Herz ans Licht gezerrt hattet, dann zerpflückt, Forderungen gestellt und mich verdroschen, zu zweit. […] Du hasst mich genau so wenn nicht noch bösartiger, weil versteckter, wie ich Dich hasse. […] Und darum musste ich für alle drei Schläge […] erdulden und dann darf ich an der Tür stehen mit meinem zerschundenen Körper, kaum noch aufrecht, und darf hören: sieh sie Dir doch an … muss sie einem nicht leid tun … dass man sie so schlagen muss. […] Ich gehe jetzt und bin nicht schuldig. Äusserlich durch Eure Schuld aber im Grunde durch höheres Gesetz, das Ihr aus Bequemlichkeit und Bürgerlichkeit nicht anerkennen wollt.« – 31. Mai 1919: Sie schildert die Verwirrungen im Zusammenhang mit einem Ausstellungsbesuch und schreibt über eine »Lüge, die Du mir sogar aufzuschreiben wagtest; die nämlich R. H. erst wenige Tage vorher Johannes Baader mit ähnlichen Worten erzählte: ich sei in Jahren nicht vom Fleck zu bringen. […] Die grosse Verachtung geht weiter. […] ich habe Dich nicht oberflächlich ›bekämpft‹: Ich habe in Dir das Prinzip bekämpfen müssen. [… Schlusszeile:] Weitere Nachrichten erhältst Du nicht von mir.« – Hausmann zieht wahrscheinlich im Juni 1919 zu Hannah Höch,. Die emotionalen und psychischen Spannungen eskalieren und bleiben bis zur endgültigen Trennung Mitte 1922 bestehen. Im September 1921 beginnt auf der gemeinsamen Prag-Reise der Paare Hausmann-Höch sowie Kurt und Helma Schwitters die lang anhaltende – auch künstlerisch bedeutende – Freundschaft zum Merz-Begründer. 1923 folgen die Bekanntschaften mit den Bauhaus- und De Stijl-Protagonisten. – Hoch emotionale Schreiben, die Einblick in eine der prägendsten Lebensphasen der Dada-Künstlerin gewähren. Die Gegenbriefe an Hanna Höch sind im Archiv der Berlinischen Galerie erhalten.

Vgl.: Hannah Höch. Aller Anfang ist Dada! Herausgegeben von Ralf Burmeister. Berlin 2007

400  Kurt Schwitters. Anna Blume.

Schätzpreis/Estimate: € 400

Zuschlag/Hammerprice: € 260

Dichtungen. Hannover, Paul Steegemann 1919. – Elementar. Die Blume Anna. Die neue Anna Blume. Eine Gedichtsammlung aus den Jahren 1918–1922. Einbecker Politurausgabe. Berlin, Der Sturm [1923]. – Illustrierte Originalbroschuren.

I. Erste Ausgabe. – Die Silbergäule, Band 39/40. – Mit seiner ersten selbstständigen Veröffentlichung schuf Kurt Schwitters das Markenzeichen »Anna Blume«. Durch Herwarth Walden war er in Verbindung mit den Berliner Dadaisten gekommen und fühlte sich deren Kunstauffassung verbunden: Die Umschlagzeichnung der »Anna Blume« wird von dem in Rot gedruckten Wort »dada« dominiert. Richard Huelsenbecks scharfe Kritik an der Dichtung und die Zurückweisung durch andere Dada-Künstler, nicht zuletzt aufgrund von Schwitters Verbindung zum Sturm-Verleger Walden, führten zur Gründung von »Merz«. – II. Einbecker Politurausgabe. Erste Ausgabe. – Am Ende das Statement des Verfassers: »Kurt Schwitters ist der Erfinder von MERZ und i und erkennt neben sich niemand als Merzkünstler oder i-Künstler an.« – Enthält unter anderem den Erstdruck des berühmten »i«-Gedichts (lies: »rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf«). – Dazu: Memoiren Anna Blumes in Bleie. Eine leichtfaßliche Methode zur Erlernung des Wahnsinns für Jedermann von Kurt Merz Schwitters. Berlin, Petersen Press 1964. Faksimiledruck der Ausgabe von 1922. Eins von 200 Exemplaren.

I. 22,3 : 14,4 cm. 37, [3] Seiten. – II. 23 : 15 cm. 32 Seiten. – Ränder und Umschläge gebräunt, Rücken und Falze innen mit Filmoplast überklebt. – Bindungen gelöst. Seiten papierbedingt gebräunt.

Schmalenbach/Bolliger 1 und 4. – Raabe/Hannich-Bode 273.1 und 5. – Dada global 121 und 123. – Meyer 20.1 (I)

401  Kurt Schwitters. elementar. Die Blume Anna. Die neue Anna Blume.

Schätzpreis/Estimate: € 300

Zuschlag/Hammerprice: € 340

Eine Gedichtsammlung aus den Jahren 1918–1922. Einbecker Politurausgabe. Berlin, Der Sturm [1923]. Illustrierte Originalbroschur.

Erste Ausgabe. – Auf der letzten Seite »Kurt Schwitters ist der Erfinder von MERZ und i und erkennt neben sich niemand als Merzkünstler oder i-Künstler an.« – Unter anderem mit dem Erstdruck des »i«-Gedichts (»lies: rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf). – Schönes Exemplar.

22,8 : 15,0 cm. 32 Seiten. – Umschlag am Rücken verfärbt. – Ränder leicht gebräunt.

Raabe/Hannich-Bode 273.5. – Schmalenbach/Bolliger 4. – Dada global 123

402  Kurt Schwitters. Merz 2.

Schätzpreis/Estimate: € 1000

Zuschlag/Hammerprice: € 6500

Nummer i. Hannover, Merzverlag April 1923. Mit einigen Abbildungen. Originalbroschur.

Originalausgabe. – Titelgebend ist die »Textliche und bildliche Darstellung von Schwitters ›i-Kunst‹, die er ähnlich wie die Merz-Idee auf viele Kunstbereiche übertrug.« (Dada global). – Enthält u. a. das »Manifest Proletkunst Den Daag, 6.3.23«, unterzeichnet von van Doesburg, Schwitters, Tzara, Arp und Spengemann, »das sich in scharfer Form gegen die im Dienst der Politik stehende Kunst richtet« (Hans Bolliger). – Auf Seite 23 ein modifiziertes Merz-Quadrat, am Ende eine heraustrennbare Abo-Bestellkarte. – Gedruckt bei Dietsch & Brückner, Weimar, auf grünliches Maschinenpapier. – Ehemals Sammlung Horst Hussel mit dessen Bleistift-Signatur auf der leeren zweiten Umschlagseite. – In Pappumschlagmappe, diese auf dem Vorderdeckel von Host Hussel beschriftet und mit einem seiner Monogrammstempel.

22,1 : 14,2 cm. Seiten 17–32 (des Gesamtwerks »Merz«). – Umschlagränder, besonders am Rückenfalz, etwas gebräunt. Hinterer Umschlag mit Eckknick. – Seitenränder leicht gebräunt.

Schmalenbach/Bolliger VI, 233. – Schelle/Haldenwanger/Heine 3. – Raabe/Hannich-Bode 273.12. – Dada global 109. – Dokumentations-Bibliothek II, 520

403  Max Ernst. Une semaine de bonté

Schätzpreis/Estimate: € 3000

Zuschlag/Hammerprice: € 3200

ou Les sept éléments capitaux. Roman. Premier [–] Dernier [cinquième] cahier. Paris, Jeanne Bucher 1934. Mit 182 Tafeln nach Collagen und Zeichnungen von Max Ernst. Fünf Originalbroschuren in Violett, Grün, Rot, Blau und Gelb. Im Originalschuber mit grünem Deckelbild und Rückentitelschild.

Erste Ausgabe eines der Hauptwerke des Surrealismus, »the largest of Ernst’s inventive collage novels« (Castleman). – Eins von 800 Exemplaren auf Papier »Navarre« (Gesamtauflage 816). – »Die ›Semaine de bonté‹ hat ihren Namen ironisch […] denn die Themen dieser fünf Bände kreisen um Verfolgung, Terror (es ist das Jahr 34 von Paris aus gesehen), um Katastrophen, Wassereinbrüche, Feuer, Verhexung, Überfall und Verbrechen. […] Da ist es, als ob die Sicherheit, welche das Lebensgefühl der ›belle époque‹ ausmacht, wie eine Eisdecke springe, sie splittert. Charme schlägt um in Entsetzen. […] Es sind böse Capriccios.« (Erhart Kästner in: Maler machen Bücher. München 1981). – »Im Gegensatz zu seinen früheren, additiv konstruierten dadaistischen Collagen dekonstruiert er hier – in seiner surrealistischen Phase – das Vorgefundene.« (Sybille Bock im Katalog der französischen Malerbücher der Sammlung Classen). – Erst in der Reproduktion der collagierten Ausschnitte aus »Gebrauchsliteratur des 19. Jahrhunderts […] in der die Schnittstellen und Farbnuancen der verschiedenen Teile nicht mehr zu erkennen sind, […] wurde jedes Bild vereinheitlicht und so erhielt der ganze Roman seine stilistische Einheit« (Béatrice Hernad in »Papiergesänge«). – Innen tadellos und insgesamt sehr schön erhalten.

28,0 : 22,5 cm. – 3 Rücken verblasst, Vorderumschlag von Band 1 mit leichtem Lichtrand vom Schuberausschnitt.

Lang, Surrealismus 30. – Papiergesänge 58. – Castleman 161. – Monod 4323. – Katalog Classen 17. – Brusberg 35 B. – Vgl. Spies/Leppien 15 (dort nur die VA)

404  Biens nouveaux.

Schätzpreis/Estimate: € 500

Zuschlag/Hammerprice: € 750

Premier [–] 4ième cahier. Dirigée par Henri Parisot. Paris, GLM 1939. Vier Originalbroschuren.

Vollständige Reihe, mehr nicht erschienen. – I. Lewis Carroll. La Canne du Destin. Traduit de l’anglais par André Bay. – II. Franz Kafka. Le Chasseur Gracchus. Traduit par Henri Parisot. – III. Gisèle Prassinos. Sondue. – IV. Marcel Duchamp. Rrose Sélavy. – Je eins von 500 Exemplaren auf Velin (Gesamtauflage 515). – Enthält neben der ersten Rrose Sélavy-Anthologie auch eine der frühesten französischen Kafka-Übersetzungen. – Das Pseudonym Rrose Sélavy, das auf die Worte »Eros, c’est la vie« zurückgeht, benutzte Duchamp (und seine Freunde für ihn) seit 1920. – Alle unaufgeschnitten und sehr gut erhalten.

16,4 : 11,7 cm. Je ca. 20-32 Seiten. – Umschlag II hinten mit kleinem Einriss.

405  Futurismus – Leonardo Clerici. L’Oracle de l’avant-garde.

Schätzpreis/Estimate: € 1800 ( R7 )

Ausrufpreis/Starting bid: € 1200 ( R7 )

Dictionaire sophiste. Lyre Lame Futuriste. Dictionaire hermeneutique & poetique. Brüssel, Editioni Anastatike Istituto di Skriptura 1994. Mit zahlreichen Abbildungen. Originalbroschur, mit Klammerheftung in Holz-Eisen-Klemmschiene. In der Originalmappe mit zwei Stempelsignaturen.

Eins von 400 nummerierten Exemplaren, weitere elf Exemplare kamen nicht in den Handel. – Erschienen anlässlich der großen Futuristen-Ausstellung 1994 der Bibliotheca Wittockiana in Brüssel, die Clerici, der Enkelsohn von Filippo Tommaso Marinetti, organisierte. Bereits 1991 hatte er in Rom eine vielbeachtete Marinetti-Retrospektive initiiert. – Für das großformatige Katalogbuch wurden zahlreiche Auszüge aus futuristischen Manifesten, Publikationen sowie von der Bewegung beeinflusste bzw. sie prägende Bücher faksimiliert und kommentiert. – Die Titelseite mit der Reproduktion der berühmten Marinetti-Porträtfotomontage von Severini. – Der Materialmix (Dünndruckpapier, Holz und Eisen) und besonders die Bindung unter Verwendung einer Magnetschiene zitiert futuristische Motive.

60,0 : 43,0 cm. [108] Seiten. – Mappe minimal fleckig, das Buch tadellos.