1015 Kurt Hiller. Eigenhändiger Brief mit Unterschrift.

London, 3. IX. 1953. Sieben Seiten.

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Beschreibung

An Gerhard Schoenberner (1931–2012), damals Berliner Germanistikstudent und Chefredakteur des SDS-Organs »Der Standpunkt«. 1960 erschien sein vielbeachtetes Buch »Der gelbe Stern. Die Judenverfolgung in Europa 1933 – 1945«. – Kurt Hiller (1885–1972, Schriftsteller und pazifistischer Publizist) äußert sich zunächst ausführlich zur damals aktuellen Diskussion um den §218. Anlass ist ihm ein Leserbrief von Claus Arndt (Jurist, seit 1951 SPD-Mitglied) in der Frankfurter SDS-Zeitschrift »Links«. »Ich geriet in Weissglut, als ich den Unsinn las. Idelogisch reinster Adenauer, enthält der Schrieb (was noch ärger ist) in Faktenhinsicht gröbste Irreführungen aus Kenntnislücken … ›Unsozialistisch‹ sei die Tendenz zur Freigabe der Schwangerschaftsunterbrechung […] obwohl, nachdem ich 1908 als Erster diese Forderung erhoben hatte […] eine Kommission sozialdemokratischer Ärzte sie sich in der Hauptsache zu eigen gemacht hat, schon vorher Dr. Helene Stöcker’s, von Sozialisten wimmelnder ›Bund für Mutterschutz und Sexualreform‹ die Forderung radikal erhoben hat und 1927 sie, ebenso radikal, im ›Gegen-Entwurf‹ jenes ›Kartells für Reform des Sexualstrafrechts‹ steht, in dessen Aktionsausschuss neben links-liberalen, Freisozialisten und Kommunisten auch Sozialdemokraten sassen […]«. Hiller erwähnt weitere frühere sozialdemokratische Verfechter der Reform, z.B. den Juristen Siegfried Weinberg und den Sexuologen Magnus Hirschfeld. »Herr Claus Arndt sentimentalisiert da also klerikal herum, […] er schöpft munter nur selbstbewusst Weissheit aus dem Ozean seiner Ignoranz. Mit solchen Ansichten gehört man in die CDU […]. Die in ›Links‹ veröffentlichte Zuschrift des Claus Arndt ist eines der deprimierendsten, entmutigendsten Erlebnisse, die ich seit Jahren katte. […] Ich danke für diese Sorte von Afterreligion! […]«. Im Folgenden analysiert Kurt Hiller die Situation der SPD: »Das Linkeste in der SPD von heute ist faktisch ihre bonner Spitze. Die neuen Erklärungen zur Außenpolitik (Heine, Eichler, Erler): prima prima bis den letzten Punkt. Auch Ollenhauer’s Oeconomicum […]«. – Zum Schluss geht er auf seinen »Stuttgarter Radiovortrag« ein, den er gern veröffentlicht sähe. Hiller erläutert dabei noch seine Ansichten zu Hans-Joachim Schoeps (»Hohenzolleraner«) und Horst Lommer (Schriftsteller, 1904–1969) »die einzige Begabung unter den Kremlingen von Berlin. In Frankfurt degenerierte er leider zum reimenden Kuli der Amerikanerichen. Er adenauert dort … manchmal mit wenig Witz, öfters mit gar keinem«.

20 : 12,5 cm. 4 Blätter, alle mit Heftlöchern. – Einige Anstreichungen.

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