238 Thomas Mann. Eigenhändiger Brief mit Unterschrift.

Kilchberg, 19. III. 1955. Vier Seiten.

Über den wirklichen Hans Hansen – »tatsächlich meine erste Liebe«

Beschreibung

Sehr persönlicher Brief an einen seiner ältesten Freunde. Hermann Lange (1876–1961) war 1889/90 Mitschüler in der Untertertia des Lübecker Katharineums. – Thomas Mann erwähnt zunächst die geplanten Feierlichkeiten zu seinem bevorstehenden 80. Geburtstages (»Stuttgart, Weimar und Lübeck, dann […] Kilchberg und in Zürich, das ist wirklich das Minimum, auf das wir die Anforderungen der lieben Welt zurückschrauben konnten […] Sonderbar, man hat doch soviel Feinde und bekommt soviele Kröten zu schlucken (wie Zola sagte), aber neugierig auf das Rhinozeros sind sie doch alle.« – Schreibt dann, dass er sich gewünscht hätte, sein Vater »hätte meinen Weg noch etwas weiter verfolgen oder sich irgendwie ein Bild davon machen können. […] Aber daß ich ihm so garkeine Hoffnung machen konnte, es möchte doch vielleicht aus mir noch irgendetwas Ansehnliches werden, das tut mir oft leid.« – Die letzte Seite des Briefes widmet Thomas Mann dem Erinnern an seinen Mitschüler Armin Martens. »[…] er war tatsächlich meine erste Liebe, und eine zartere, selig-schmerzlichere war mir nie mehr beschieden. So etwas vergißt sich nicht, und gingen 70 inhaltsvolle Jahre darüber hin. Mag es lächerlich klingen, aber ich bewahre das Gedenken an diese Passion der Unschuld wie einen Schatz. Nur zu begreiflich, daß er mit meiner Schwärmerei […] nichts anzufangen wußte. Sie starb […] lange bevor er selbst, dessen Charme schon durch die Pubertät erheblichen Schaden gelitten, als Allererster irgendwo starb und verdarb. Aber ich habe ihm im ›Tonio Kröger‹ ein Denkmal gesetzt […] Merkwürdig zu denken, daß die ganze Bestimmung dieses Menschenkindes darin bestand, ein Gefühl zu erwecken, das eines Tages zum bleibenden Gedicht werden sollte.« – Der Brief wird im Tagebuch vom Vortag erwähnt (»Brief an Herm. Lange in Gedanken an Armin M. und alle Toten«). Martens (1876–1906) musste nach einem Skandal wegen zweier Tänzerinnen 1899 Lübeck verlassen und versuchte in Deutsch-Südwestafrika Fuß zu fassen, wo er in Folge der Herero-Unruhen verarmte und – nach einigen vergeblichen Hilferufen nach Lübeck – mit nur 30 Jahren verstarb, während Thomas Mann spätestens mit seiner 1905 geschlossenen Ehe mit Katia Pringsheim demonstrierte, seine homosexuellen Leidenschaften einer »geordneten Existenz« unterordnen zu wollen. – Aus dem Nachlass Tomas Otto, Lübeck.

Zwei Blätter, beide mit horizontaler Faltspur. – Teils etwas verblasst, besonders Seite 1.

TM-Briefe III, S. 386ff

LOT Nr: 25-0238-33 Kategorie: